Qualifizierte Privatheit als Lüge. Glückwunsch Jaron Lanier

„Das Internet“ hat mich eben auf einen Blog geleitet auf dem ein dummer, kleiner Kommentar zu der Wahl Jaron Laniers für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels stand. Abgesondert mal eben so aus einer Laune heraus. Offensichtlich uninformiert.

Jaron Lanier zeichnet sich seit Jahren dadurch aus, dass er das „Internet“ vehement gegen bestimmte Angriffe und Vereinnahmungen verteidigt. Er schreibt aus einem zutiefst demokratischen Ansatz heraus, der Demokratie als Vereinigung selbstbestimmter, mündiger Bürger versteht. Die Gefahren einer Beeinträchtigung der Selbstbestimmung und Mündigkeit sind ein zentrales Thema seiner Bücher. Ausgangslage sind dabei die Nützlichkeit, die Chancen und die Vorteile des Internets.

Die Bloggerin, die sich ihrem Motto nach einer Aufmerksamkeit für Bedrohungen der Demokratie rühmt (wer in der Demokratie schläft…), meint lapidar Lanier, als Steigerung von Morozov, sondere nur Pessimismus ab. Unterstellt wird weiter, das passe ins Bild der „Meinungsmacher“. Deshalb werde das Netz immer noch schief angesehen.
Der Kommentar ist damit ein Paradebeispiel einer polemischen Auseinandersetzung. Die Polemik (der macht das Unsere nur schlecht) – Unterstellung eines fremden Interesses daran (Meinungsmacher) – Gefährlichkeit der Ansicht zirkulär bestätigt durch eine unlogische Schlußfolgerung. Die krude Logik mal beiseite, auch die schlicht falsche Behauptung, das „Internet [wird] in der breiten Öffentlichkeit immer noch schief angesehen und schnell in einen kriminellen Zusammenhang gerückt“, die das Übel drohend an den Horizont malt: Was stört daran?

Grundsätzlich ist es ja jedem unbenommen, seine Meinung abzugeben. Der Kommentar ist aber so lau und schwach, so offensichtlich maulend Gruppendynamisch, dass es seine Art hat: Der da drüben von denen kriegt wieder was von denen da drüben, das ist wieder typisch von denen. Der Kommentar ist so präzise zänkisch, dass man ihn nicht kommentieren kann, will man nicht sofort in die Auseinandersetzung einer Gruppenbildung geraten. Er lädt ein zu einer Lobby-Positionierung. Die Auseinandersetzung ufert schnell aus, da sich tausenderlei Argumente gegen die esoterisch angedeuteten Prämissen finden lassen. Das ist das Wesen des Gerüchts. Wie auf dem Schulhof: steckt man die Köpfe zusammen, ist es privat, erhebt man die Stimme, damit andere es hören, ist es öffentlich. Es muss aus Andeutungen bestehen, ein klein wenig gemein, ein klein wenig esoterisch, ein klein wenig bündlerisch und immer bereit zu entgegnen: was regst Du Dich eigentlich so auf, hier ist doch gar nix los, geh weiter. Hahaha.

Ein wichtiger Blogger spricht ja gerne von seinem Privatblog als Wohnzimmer in dem er das Hausrecht ausübt. Das ist natürlich Koketterie. Sein Wohnzimmer ist ein offener Salon, der eingerichtet ist zu Meinungsbildung und Getratsche über neue Entwicklungen. Der Blog ist als Salon ein öffentliches Wohnzimmer mit Hausrecht.
Die hier ungenannte Bloggerin möchte sich vielleicht genauso sehen, stellt sich anders aber nicht der Verantwortung,. Nicht öffentlich genug, um Sorgfalt auf Argumente zu legen. Aber auch nicht privat. Man kann es sich hinterher aussuchen, wie man grade lustig ist. Was es nun war, soll man nicht erfahren. Andererseits haben wir eine öffentliche Meinungsäußerung, eine Positionierung, die aufgenommen wird und verlinkt wird über ein großes Newsportal, das aktuelle Headlines verbreitet. Die Klicks schießen in die Höhe und wir haben ein Meinungsbild derart: Nestbeschmutzer, Pessimist.

Die Rücksicht auf das Hausrecht der Genannten verbietet einen Kommentar über eine solcherart desinteressierte, unkritische, vielleicht auch schlicht unbedachte Darstellung. Das nenne ich qualifizierte Privatheit, jeder kann so tun, als ginge es ihn nichts an. Es reicht aber nicht, nichts zu tun. Diese Mechanismen stören schon immer den öffentlichen Diskurs, Offenheit und argumentative Kraft. Es stört die Meinungsbildung und fördert damit die Deutungshoheit derer, die die Regeln der Kommunikation im Internet durch Technik und das Design der Software setzen. Man muss Verantwortung übernehmen, von Anfang an. Das ist ein wichtiges Thema des Preisträgers

also

Herzlichen Glückwunsch Jaron Lanier!

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