Together Through Life

Well now what’s the use in dreaming?
You got better things to do
Dreams never did work for me anyway
Even when they did come true

Everybody got all the flowers
I don’t have one single rose

(Dylan, I feel a change comin‘ on)

Hal Bregg seine Interessen

Hal Bregg kommt von einem längeren Ausflug im Weltall zurück und erlebt aufgrund einer Zeitdillation eine erhebliche Veränderung der Gesellschaft. Stanislav Lem zeichnet mit den Mitteln der Science Fiction einen Bestand ab, der zu dieser Zeit selbst in der Geschichtswissenschaft erst sehr rudimentär vertreten wurde: Die kulturelle Veränderung von Personen und Gesellschaften auf Ebene der Mentalitäten und Gefühlswelten. Die Mechanismen sind noch weitgehend unklar, auch wenn wir heute sehr viel weiter sind im Verständnis der Soziobiologie, der kulturellen Entwicklung und der gesellschaftlichen Dynamik.

Jedenfalls hat die zurückgebliebene (hehe) Gesellschaft zum Wohle der Menschheit die Aggression abgeschafft und zu diesem Zweck verschiedene Techniken entwickelt, die das Leben gefahr- und konfliktfrei machen, mit dem Ergebnis, dass nicht nur Gewaltursachen ausgeschaltet wurden, sondern auch alle unvorhergesehene Ereignisse, jede Abweichung, konsequent: jedes Konfliktpotential, das sich auch nur aus einer differenten Einschätzung über Vorliegen und Art einer Gefährdungslage ergeben könnte.
Unter anderem wurden über eine Art Antigravitation in den Autos die Gefahren des Individualverkehrs abgeschafft: Es gibt keine Unfälle mehr, da alle (un-)beherrschbaren Bewegungskräfte aufgehoben werden. Hal Bregg findet sich nicht zurecht in der Gleichförmigkeit. Er klemmt den Antigravitator ab, weil er die Sinnlichkeit des Fahrens in den Brems-, Beschleunigungs- und Kurvenkräften als Erinnerung an seine untergegangene Welt vermisst. Soweit die Versuchsanordnung.
Die Nostalgie vermittelt sich ihm in der Erinnerung über die Bewegung des Selbst in der Welt und die Rückkopplung seiner Bewegung in den Kräften, die Welt und Selbst zusammenhalten. Das Sein bestimmt sich durch seine Stellung in der Welt, im Raum und die Stellung vermittelt sich über die Sinne: hier den Gleichgewichtssinn, die Schwerkraft des Seins.

Wir wissen nicht, wie sich die Gesellschaft in der Geschichte von Lem verändert hat, darauf kommt es dort nicht an. Nach allem, was wir wissen, sind es aber nicht Ideen, die die Welt verändern oder wenn wir Max Weber darin folgen: „Interessen (materielle und ideelle), nicht: Ideen, beherrschen unmittelbar das Handeln der Menschen…“
Techniken, Innovationen und Interessen. Ideen haben Einfluss auf das wie und ein wenig auf das Wohin, auf die Bahnen, in denen sich die Interessen bewegen, aber das Initial einer Bewegung kommt der historischen Erfahrung nach von Interessen, nicht von Ideen.

männer, gleich

Heise berichtet von Versuchen, mit BigData Unfälle zu vermeiden und mal eben jedes Fahrzeug und die komplette Infrastrutur mit individueller Kennung und Bewegungssensoren auszurüsten. Damit das rund wird mus konsequent auch jeder Mensch im Raum mit Sensoren ausgestattet werden. Nur mal so als Lobbyisten-Idee. Wer könnte was dagegen haben? Wir sind doch alle für weniger Unfälle und den Schutz der Personen. Schon wird spekuliert, wie Eltern für ihre Kinder haften, die kein Smartphone mit Bewegungssensoren dabei haben. (Am Rand zu diesem Fortschritt: Meine Sparkassen-App meldet mir, dass in der Stadt Beacons installiert sind, so dass man mir, wenn ich in der Nähe bin, doch hübsche kleine Aufmerksameiten einspielen könnte. Ich möge doch freischalten und Zugriff auf meinen Standort erlauben etc. pp.)

Ein Beispiel wieder mal für die Wirkungsmacht der Technik, die auf Algorithmen aufbaut und das Potential einer Veränderungsmacht, das darin steckt. Natürlich handelt es sich wieder mal um den Narrativ, mit Technik Probleme zu bewältigen, die wir ohne sie nicht hätten. Der Individualverkehr ist eine Verheißung, der Person im öffentlichen Raum zugleich Stellung, Distanz und damit Raum zu verschaffen. Dass vordergründig nur die Praktikabilität der Arbeitsanfahrt oder des Einkaufens is Feld geführt wird, reicht nunmal nicht hin. Die Technik verspricht uns nun Verdichtung des Verkehrs, Zeiterspranis durch Parkmanagment, höhere Ökonomie der Bewegung. Anders formuliert wird durch Datenmanagment noch das letzte Stück versiegelte Erde zur effektiven Nutzung versprochen.

Es wird, wenn wir die spezifische Dialektik in Max Webers protestantischer Ethik zwischen Interessen und Ideen weiter führen, ein klassischer Konlikt geführt werden: Die Installierung dieser individuellen Bewegungsmelder folgt vielen Interessen, egoistischen vordergründig. Die wirtschaftliche Prosperität der BigData- Industrie, hier handelt es sich laut Heise um ein Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes, ist ein vorrangiges Interesse der Politik, des Eigeninteresse der Hersteller, der Technik, des Ausbaus der Infrastruktur, alles schreit nach Arbeitsplätzen. Dann freilich noch die Sicherheit vor Terroranschlägen, kennt man ja noch besser und metergenau den Aufenthaltsort jedes Menschen und kann ihn im Fahrzeug letztlich auch Stilllegen. Der Verweigerer (der Technik) kann isoliert und erkannt werden. Zuletzt die Interessen der Gesundheit der Bevölkerung. Unschlagbares Argument.

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Dagegen steht nur die Idee, die Reflexion über den Zustand der Welt, die Ökonomisierung der Lebenswelt, der Freiheitsräume und die Angst vor Gleichschaltung der Lebenswelten, Abschleifen von Individualität, Einhegung von Lebensräumen. Die Sorge um die Zusammenhänge eines überregulierten Privatlebens. Die Idee (nicht vielmehr ist in diesem Zusammenhang: die Kenntnis) von der Verödung der Gemeinden und des Gemeindelebens durch die Gelegenheit der technischen Infrastruktur Individualverkehr. Der Verlust individueller Freiheitsrechte.

Das ist der Konflikt derjenigen, die in den Koordinaten von Interessen denken: Cui bono, es müsse eine Bilanz geben, die messbar ist, sofort und unmittelbar in Werten und Gütern. Dagegen steht eine Idee, die zunächst einmal keine materiellen Interessen hat, außer freilich ideele Interessen haben kann. Dem interessengeleiteten Menschen, ist die Idee wenigstens unbeachtliche Kopfgeburt, meist Ideologie. Er wird es nicht verstehen können, da ihm eine interessenfreie Idee nicht erkennbar ist und er im Zweifel nur die (immer irgendwo mitschwingenden) ideelen Interessen erkennt. Darin hat er auch ein feines Gespür, für die dann oft doch nicht zweckfreie Idee, für die doch oft, zu oft durchscheinende Dogmatik, Selbstherrlichkeit, Eigensinnigkeit der sich als gute Menschenfreundlichkeit ausgebenden Idee. Da prüfe sich jeder selbst. Die Idee an sich, damit auch ideele Werte etc. geraten im Zug der Diskreditierung der Willensfreiheit immer stärker in den Bannstrahl selbstverstandener Realisten: Die Idee sei das bloß  Ausgedachte, die Illusion, die Weigerung vor der Macht der Interessen und der Fakten. Wohingegen sich der selbstverstandene Realist in der Bescheidenheit vor der Wahrnehmung seiner Interessen sonnt: er leite nur ab aus dem Faktischen und dem Offensichtlichen. Das artet mitunter in erbärmliche Selbstgerechtigkeit aus. Festzuhalten ist aber, dass argumentativ kein Weg an den Interessen vorbeiführt, der Weg für die Wahrnehmung von Ideen bleibt da verschlossen.

Aus diesem Grund muss (praktisch) den Interessen oder dem Vorwurf der neinsagenden, verhindernden Ideologie der Widerstreit der Interessen entgegengesetzt werden. Weil man sonst nicht weiterkommt.

Stanislav Lem, Tranfer, 1961.

Lemmy Kilmister, die Rettung der Moral vor der Bigotterie

I’m in love with rock ’n‘ roll, it satisfies my soul
If that’s how it ought to be, I won’t get mad
Yeah, I got rock ’n‘ roll to save me from the gold
And if that’s all there is, it ain’t so bad, rock ’n‘ roll

(Motörhead)

Lemmy gibt die Antwort auf die Frage, weshalb die Jugend dringend eine Jugendbewegung brauchte. Vor all der doch irgendwie verständlichen Moral, der Nächstenliebe, dem Anstand und den Forderungen der westlichen Ethik, dem christlichen Menschenfreund baut sich eine Bigotterie auf, die jedem jungen Menschen mit ein wenig Verstand in diesem gesellschaftlichen Regelwerk nicht nur die Lüge, sondern auch eine Kulturtechnik zum Machterhalt ahnen lässt. Dabei sagte einem aber das Herz, dass der Mensch es wert ist, an ihn zu glauben, ihn zu lieben.

Lemmy, der Anarchist, zeigte einen Weg, mit diesem Widerspruch zu leben.

Ciao FAZ, 17.12.15

Dietmar Dath führt in der FAZ heute einmal mehr vor, weshalb er zu den wichtigen deutschen Journalisten gehört. Ich meine zuerst im Programm des Verbrecher-Verlags zuerst von ihm gehört zu haben. Seine Konzentration und Exzentrik spiegeln sich oftmals in schwer zugänglichen Sprachverwicklungen und schönen Wortmonstern, die notwendig die komplexe Erfassung der Welt jenseits gängiger Denkmuster spiegeln. Ähnlich sehe ich Patrick Bahners, nur wenn dieser auf Traditionen zurückgreift, kennt Dath Gegenwart und Zukunft, wobei ihm (beiden) die geographische Verbreiterung der persönlichen Erfahrungen erkennbar nochmals Tiefe verliehen hat.
Heute zeigt er, wie Literaturgeschichte zu Science Fiction, die Erfahrung gesellschaftlicher Entgrenzung und Massenkultur zusammenhängen. Star Wars nicht immer nur als pseudoreligiöse Erzählung gelesen.

Hilft alles nichts.

Die Entgrenzung der Gesellschaft in seinen Konsequenzen anzuerkennen fällt der FAZ in einer Weise schwer, die an Realitätsverweigerung grenzt. Die Kommentare von Jasper von Altenbockum etwa sind in Rhetorik und Politikverständnis sträflich unterkomplex, eine Beleidigung für einen halbwegs interessierten Leser. Hier findet keine Analyse mehr statt, sondern politische Agitation. Eine stetige Abfolge von Aggression, gönnerhafter Alphamännchenrethorik und angeblich unbezweifelbaren Weisheiten und Prämissen. Wenn die FAZ den Mann so sehr nach vorne pusht, muss ich feststellen, dass mein Verständnis einer qualitativen Tageszeitung als Information und Bildung, Auseinandersetzung auch mit Schlussfolgerungen nicht mehr mit demjenigen der Herausgeber übereinstimmt. Das was mich als Jugendlichen von der FAZ als konservative Streitschrift lange abgehalten hat, prägt jetzt wieder zunehmend das Bild seit Schirrmachers Ableben.

Die Forderung nach Grenzen ist eine allzu schlichte Forderung, die die Einbindung Deutschlands in das internationale Gefüge verkennt. Man sollte die Erfahrung Merkels und ihr Beharren darauf schon ernst nehmen und analysieren. Ich bin sicher kein Freund von ihr, aber ihre Maßnahmen als Ideologie hinzustellen, als eine Art gütlicher Illusion – das ist nur beleidigte Leberwurscht. Da fehlt es an Bereitschaft, die Komplexität der derzeitigen Ereignisse, der internationalen Beziehungen und deren Kausalverknüpfungen hinzunehmen und Machtpolitik zu analysieren.
Verkauft wird diese Agitation mit dem polemischen Aufbau von Gegnern und deren angeblicher Verblendung, mit dem Vorwurf, diese Gegner von Grenzen würden nicht erkennen, dass die „Menschen im Lande“ es nicht länger ertragen, dulden, aushalten könnten. So einfach ist es nun mal nicht und aus einer pragmatischen Perspektive betrachtet ist Abschottung ein untaugliches Mittel, das noch dazu höchst gefährlich ist.

Polemische Begründungen reichen selten weit und lassen im Wesentlichen erkennen, dass eine weitere Bereitschaft und echtes Interesse an Analyse und Lösungen nicht besteht. Zudem: Die Behauptung von den Menschen im Land ist auch falsch. Keine der bekannten Gruppierungen von den Grünen bis Gewerkschaften und gesellschaftlichen Kleinstbewegungen lassen die gebotene Verantwortung für die Menschen im und auf dem Land vermissen. Meist sind sie selbst diese Menschen und Verantwortung ist für diese Menschen das Gebot der Stunde. Nur die paar Randerscheinungen auf der linken Außenseite, die man ohne die Verweise dieser Kommentatoren gar nicht wahrnehmen würde, mögen hier für sich ein politisches Instrument zur Sprengung der Gesellschaft sehen. Ja mei, wen juckt das schon.

Die Forderung nach Grenzen ist aber nur ein Beispiel. Ebenso blind und im Übrigen auch blind gegenüber den Analysen in den eigenen anderen Ressorts findet sich etwa die Konzentration der Wirtschaft auf das Primat der ökonomisierenden Betrachtung, die jede mulitkausale Analyse im Keim erstickt und altbewährte zivilgesellschaftliches Verständnis oft nur mehr als Hemmschuh gegen ein überrannt werden von außen begreift. Hier findet sich wieder ein mangelndes Verständnis der Realität gesellschaftlicher Entgrenzung. Dem kann nicht durch im Kern protektionistische Maßnahmen entgegengewirkt werden. Das zeigt die ältere und neuere Geschichte.

Liebe FAZ, knapp 20 Jahre begleitest Du mich. Jetzt ist time für a little change of the scenery wieder mal a paar. Tut mir leid, Dath und Bahners und Voss und andere nun seltener zu lesen. Danke soweit.

Datenschutz, Datenwert, freie Persönlichkeit

Wozu dient Datenschutz, was bringt mir das? Das sind die Fragen, die immer wieder aufkommen, wenn es um Datenkranken, Datensammelei, offene E-mail-Listen, Eltern und Kinder bei Facebook, Whatsapp und anderen socialmedia-Diensten geht. Meist fehlt es schon an der Kenntnis der Nutzer darüber, was im Internet passiert, über den Stand der Technik: etwa dass selbstverständlich alle E-Mails, die über googlemail, web.de, gmx, Yahoo usw. laufen, vollständig gescannt und verwertet werden: Die Themen, die Personen, die Beziehungen, die Metadaten. Oder das Profiling über den Browser, das beeindruckende und erschreckende Ausmaße angenommen hat. Oder die Algorithmen, die den Auftritt in den socialmedies steuern: Die Nachrichten, die Werbung, die Bilder, die Preise, die eingeblendet werden, folgen den Daten des Nutzers, um ihn möglichst gezielt anzusprechen und zu einer bestimmten Leistung zu bewegen. Lock in or Nudging.
Aber es fehlt auch an einem Bewußtsein darüber, was uns ausmacht in der Gesellschaft als Menschen und Bürger und dass Freiheit, Demokratie und Grundrechte keine Selbstverständlichkeiten sind. Zu den Grundlagen ein paar rasche Überlegungen.

Datenschutz ist nach der Legaldefinition des § 1 Bundesdatenschutzgesetzes: der Schutz des Einzelnen davor, „dass er durch den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten in seinem Persönlichkeitsrecht beeinträchtigt wird.“ Das Persönlichkeitsrecht wiederum erschließt sich aus dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, das in einigen Landesverfassungen und in der EU Grundrechtscharta explizit aufgenommen wurde und im Grundgesetz als grundrechtsgleiches Recht unter die Garantie der freien Entfaltung der Persönlichkeit in Art. 2 Grundgesetz (GG) subsumiert wird: In einem langen Prozess der Rechtsfindung sammelt Art. 2 Abs.1 GG die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die wiederum durch drei Kernpunkte gestützt wird:

  1. allgemeine Handlungsfreiheit
  2. allgemeines Persönlichkeitsrecht
  3. Recht auf informationelle Selbstbestimmung

Das Persönlichkeitsrecht des § 1 BDSG wurde außerdem aus dem Grundrecht der Würde des Menschen, dem Selbstbestimmungsrecht und der demokratischen Willensbildung heraus entwickelt. Es geht also um die Freiheit der Person in einer demokratischen Gesellschaft, um die Teilhabe am politischen Entscheidungsprozessen und um das Recht auf Selbstbestimmung und ungestörte Entfaltung der Person, mit Betonung auf ungestört. Es ist damit auch ein eminent politisches Grundrecht, das aus der Erkenntnis entstand, dass Freiheit und Demokratie ohne die ungestörte Persönlichkeitsentfaltung nicht zu gewährleisten ist. Wem das so auf die Schnelle zu kompliziert ist oder wer mit freier Entfaltung der Persönlichkeit oder mit Demokratie nichts anfangen kann: das spielt erstmal keine Rolle. es handelt sich um ein Grundrecht, das sich als notwendig für das demokratische Gemeinwesen herausgestellt hat und auf das nicht verzichtet werden kann. Schon gar nicht für einen Anderen.

Wer am Datenschutz dreht oder drehen will, berührt und bedroht unmittelbar diesen Kernbereich des Bürgers in der Gesellschaft, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und die freie Entfaltung der Persönlichkeit als eines der Standbeine des Art. 2 Abs. 1 GG. Und wer irgendetwas anderes erzählt, sollte gute Gründe anführen können, weshalb dieser zentrale Schutz des einzelnen Menschen vor Fremdbestimmung durch eine Staatsmacht oder die Gesellschaft oder wirtschaftliche Interessen nicht berührt sei – keinesfalls umgekehrt: Es handelt sich hier um ein sogenanntes Freiheitsrecht, also um ein Abwehrrecht des Bürgers vor einer Beeinträchtigung welcher Art auch immer.

Gesetzbuch

Wir halten fest: Datenschutz -> Recht auf informationelle Selbstbestimmung -> freie Entfaltung der Persönlichkeit = Artikel 2 Grundgesetz = Freiheitsrecht.

Derzeit muss man sich häufig Fragen gefallen lassen, nach denen derjenige, der sich auf ein Grundrecht beruft, sich im Erklärungsnotstand befindet. Sämtliche der Wirtschaft zugewandten Politiker (Merkel et al.: Daten sind das neue Öl!) und ein Großteil der Wirtschaft ohnehin stellen außer Frage, dass die informationelle Selbstbestimmung verhandelbar ist und zwar in Abwägung zwischen der Selbstbestimmung der Einen und dem ökonomischen Nutzen der Anderen. Ein doppelter Kategorienfehler. Die informationelle Selbstbestimmung ist ein grundrecht und der ökonomische Nutzen ein Wirtschaftsfaktor. Der der das eine verliert, hat zudem keinen Nutzen davon. Ein Beispiel davon ist auch die folgende Geschichte, in der sich die Problematik sauber spiegelt.

Ein Peter Heidkamp Head of Technology und offenbar Teil des Blog-Teams von KPMG, das sich „Klardenker“ nennt, klärt uns auf:

„Datenschutz ist wichtig, keine Frage. Und am sichersten sind die Daten, die nicht gesammelt werden. Allerdings entgeht uns damit ein noch viel größerer Nutzen. Schluss mit der Datensparsamkeit. Was wir brauchen, ist ein Datenreichtum.“

Also knapper geht´s nicht: Datenschutz ist gut, Nutzen ist besser, aber hier „noch viel größerer Nutzen“. Datenschutz hindert Nutzen, also Forderung nach Datenreichtum.

Die Klardenker von KPMG: Datenschutz ist wichtig. Aber hey, mal ehrlich: „noch viel größerer Nutzen!“ Keine Fragen mehr!

Alles andere ist (uns) geschenkt: Klardenker: am sichersten sind Daten, die nicht gesammelt werden. Sparsamkeit kann man auch mit der Differenzierung der Begrifflichkeit an den Tag legen, weil, größerer Nutzen!
Nun, Datensicherheit ist nicht Datenschutz. Hängt zwar miteinander zusammen, ist aber nicht eins. Datensicherheit betrifft (im engeren Sinn und heutzutage) den Schutz von digitalen Daten, die aus bestimmten Gründen erhoben und die prekär sind, die geschützt werden müssen. Der Ansatz ist danach schon mal nicht besonders klar gedacht, jedenfalls nicht nach herkömmlichen Maßstäben. Aber hey, „noch viel größerer Nutzen“.

Nutzen, nein, „noch viel größerer Nutzen“. Worin liegt der? Für wen? Woraus?
Nutzen wird hier vermutlich nicht im Sinne der Utilitaristen verstanden, auch wenn im Merkur (analog!) kürzlich eine erfrischende Lesart auf Bentham als Ursprung aller Selfies vorgestellt wurde. Nein, natürlich, wir sind ja nicht blöd, data are the new oil.

Aber: Datenschutz, freie Entfaltung der Persönlichkeit. Wem ist hier noch nicht klar, dass die Ökonomisierung unserer Daten mit, nein vielmehr gegen die freie Entfaltung der Persönlichkeit steht und fällt? Der Wert der Daten ist konnex mit dem Verfall der freien Entfaltung der Persönlichkeit. Müsste man mal genauer beschreiben. Im Schnelldurchlauf: Die Daten haben keinen Wert an sich. Sie nutzen nur etwas, wenn man die Information verwenden kann, indem man einen Informationsvorsprung in zeitlicher oder quantitativer Hinsicht haben kann. Der Großteil des Umsatzes aus dem Verkauf unserer Daten fließt in der Werbeindustrie oder im Dienstleistungssektor, die ihre Dienste in Abhängigkeit vom persönlichen Verhalten der Bürger leisten: Versicherungen, Gesundheitsindustrie. (Die Gesundheitsindustrie war übrigens vor der IT- / BigData-Industrie der eigentliche heiße Kandidat für den nächsten Kondratieff-Zyklus)
Die Werbung will die Daten natürlich nutzen, um unser Kaufverhalten zu beeinflussen, also aktiv, das ist der Burner, nicht irgendwelche Marktanalysen a la Noelle-Neumann, die bestensfalls oberflächlich manipulativ wirken konnte. Werbung heute will mehr, sie will lenken. Sie will Einfluss nehmen und Bewußtsein steuern. Wenn Facebook die psychologischen Auswirkungen der Algorithmen an zehn- oder hundertausenden Nutzern testet, ist das keine Meinungsumfrage, sondern kognitives Engineering. Die Daten haben nur einen Wert, wenn sie zur Beeinflussbarkeit des ökonomischen handelnden Subjekts tauglich sind.
Der E macht alles mit Google. Kalender, Kontakte, E-Mail usf., Facebook zur Selbstdarstellung. Nur wer trommelt, kommt weiter und so fort. Er ist dabei vollkommen autonom, lässt sich von nichts und niemandem etwas erzählen oder aufschwatzen, sieht nicht fern und kauft nur, was er sich einbildet – und nutzt socialmedia extensiv beruflich. Er macht Personalberatung und da wird es dann schon mal heikel. Er gibt damit alle Daten preis, Kontakte, E-Mails, Berichte, Einschätzungen.
Die A arbeitet als Erzieherin, Kita. Privates, Berufliches, alles läuft nur noch über socialmedia, Facebook, Whatsapp. E-Mail gibt es da schon gar nicht mehr. Da läuft die Maschine direkt und voll durch. Personalisierte Werbung, personalisierte Preise, wo noch nicht jetzt, dann demnächst und natürlich personalisierte Algorithmen, die die Nachrichten, die Freunde, die Timeline sortieren. Hier ist der gesamte Link zur Außenwelt bereits über Big Data gesteuert. Fehlt noch entsprechendes fürs Fernsehen, nur das ist auch in Vorbereitung.
Die Gesundheits- oder Versicherungsindustrie will auf dieselbe Weise Verhalten steuern und außerdem Verträge individuell anpassen. Ich denke dann immer an den Raumfahrer von Stanislaw Lem (hab den Titel nicht parat), der nach einer langen Reise nach Hause kommt in ein emotional flurbereinigtes, risikoeliminiertes Leben, in dem Autos nicht mehr den Schwer-, Beschleunigungs- und Kurvenkräften ausgesetzt sind. Wo, liebe Versicherungen, bleibt ihr dann?

Datenschutz, freie Entfaltung der Persönlichkeit.
Ist eine Bubble, die von Socialmedia-Algorithmen gesteuert wird, noch das, worin man sich eine freie Entfaltung der Persönlichkeit vorstellen kann? Also abgesehen von dem kartellartigen Zugriff auf die Bedingungen, meine ich die gestellten Bedingungen an sich: die Petrischale, das geeignete Milieu? Zugleich wird an dem Beispiel deutlich, dass wir ein schichtenspezifisches Problem haben könnten. Weder Stand noch Klasse. Die neue Vergesellschaftung und Teilhabe am politischen Prozess und Steuerung der Wirtschaft läuft über Informationsströme und geeignete Empfänger, die Störung der freien Entfaltung der Persönlichkeit. Der Konsument ist das Produkt, etc. Die neue upper-class wird sich schon sehr bald von allem social-media befreien. Low-Tech wird der neue Luxus-Hype. (Also diese drei, vier Aspekte allein hätten doch mal Potential ausgeführt zu werden.)

gotKapelle

Es geht bei KPMG natürlich noch weiter mit Vorschlägen, wie man den Datenschutz für noch viel größeren Nutzen aushebelt optimiert: Mit Hilfe von Sicherheitstechnik und Transparenz, natürlich, keine Frage, Klardenker, zack die Bohne!

„Zugleich muss das Vertrauen in die Technik steigen. Exzellente Sicherheitssysteme sind keine Illusion, sondern auf dem Markt zu haben. Helfen könnte eine transparente Initiative, die den Bürgern sagt, wie Daten wirklich sicher geschützt und verschlüsselt werden. Für diese Initiative könnten sich die großen Internet- und Softwareunternehmen mit neutralen NGOs zusammenschließen.“

Richtig verstanden? Wir fassen zusammen, was uns die „Klardenker“ von KPMG vermitteln wollen: Datenschutz ist wichtig und zu erreichen über Datensparsamkeit, was nicht geht, weil: voll „größerer Nutzen“. Also nehmen wir Datenreichtum (wie gut das klingt! So midasmäßig) plus Datensicherheit. Die Datensicherheit dürfte aber auch nicht so gut funktionieren, weil, you remember, „noch viel größerer Nutzen“ durch Daten, aber geschützte Daten sind nicht auslesbar, also nicht verwertbar. Also ja, da sind ja immer noch die Metadaten, die für sich genommen schon den halben Umsatz oder mehr machen. Nur, wenn etwas richtig, also „sicher geschützt und verschlüsselt“ ist, dann dürfte man auch die Metadaten nicht mehr nutzen können, sonst isses halt kein echter Datenschutz und keine Datensicherheit. Das weiß natürlich auch KPMG. Also wir merken: Datenschutz by KPMG = 0,00!

Weil das also nicht geht, braucht man die NGO´s, die helfen sollen zum Merchandising einer unwirksamen Technik: Die geforderte Transparenz soll sich ja nicht auf die Verschlüsselungstechnik und die Sicherheit beziehen, sondern auf die „Initiative, die den Bürgern sagt, wie Daten wirklich sicher geschützt und verschlüsselt werden“. Also vermutlich so wie bei De-Mail, die nullkommanull sicher verschlüsselt und geschützt, aber dafür sehr transparent beworben wurde.

Es ginge noch mehr sich lustig zu machen über so viel Klardenkerei. Aber ich weiß, das ist der falsche Ansatz, es ist hilflos, weil es keinen schert, der sich von KPMG beraten lässt und von diesem Beratergeschwafel nicht mehr erwartet wird, aber das Angebot eines solchen Narrativs heutzutage Voraussetzung ist, als Beiwerk für die Marktstrategie. Das nennt man dann tatsächlich Nachhaltigkeit oder Achtsamkeit oder Corporate Responsibility. Früher nannte man das bigott.

Das fällt Allen auf die Füße. Es gibt nichts umsonst. Wer die Daten der Bürger verwerten will, muss dafür zahlen, früher oder später. Wer wirklich verantwortlich handeln will, sollte vielleicht keinen Head of Technology fragen.

Freiheit, Demokratie und Grundrechte sind keine Selbstverständlichkeit. Der Weg für ihren Aufbau war lang und die Widerstände dagegen waren groß. Wer immer jetzt mit dem Argument der wirtschaftlichen Notwendigkeit eine Einschränkung verlangt, sollte auch daran denken, dass erst Freiheit, Demokratie und Grundrechte den Boden für die eine Seite der wirtschaftlichen Prosperität geschaffen haben: nur der mündige Bürger konnte auch ein guter Konsument sein.

Also mal so auf die Schnelle. Entschuldigen Sie den langen (und unstrukturierten) Brief, ich hatte wenig Zeit.

Süße kleine Delphinbabys und TPP

Warum TTIP in die Entscheidungsfreiheit der regionalen Gesetzgebung und die demokratische Proezsse eingreift illsutriert sich an dem Fall, den jetzt TheIntercept mit dem Beifang von Delphinen aufgearbeitet hat.

Aufgrund der Regularien des TransPacificPartnership ist es zukünftig den us-amerikanischen Herstellern verboten, den von der heimischen Gesetzgebung gebotenen Hinweis zu erteilen, dass der Fang von Thunfisch ohne die Gefährdung (Beifang) von Delphinen erfolgte:
„Case in point: the World Trade Organization (WTO) on Friday ruled that dolphin-safe tuna labeling rules — required by U.S. law, in an effort to protect intelligent mammals from slaughter — violate the rights of Mexican fishers.“

Dafür werden diese Handelsabkommen getroffen, dafür sollen die Schiedsgerichte kompetent sein und noch niemand hat uns die Regelung gezeigt, uns garantiert, dass durch TTIP nicht in die demokratische Souveränität des Gesetzgebers, d.h. des Bürgers (hierzulande jedenfalls) eingreift.

Grenzenloses Versagen

zeigt Bernd Ulrich (Zeit 47/2015) in einer trockenen Auflistung der Fehler des Umgangs des „Westens“ gegenüber der Politik und den Gesellschaften im nahen Osten und Nordafrika, gespeist aus Gier und einer Wendung in der narrativen Begründung der eigenen Handlungen durch eine angebliche Realpolitik, die jedoch für sich genommen auch nur Ideologie zu sein beanspruchen kann. Unbedingt lesenswert. Vor allem auch von den Apologeten einer angeblich notwendigen Grenzziehung, gleich aus welchem Lager und mit welcher Begründung. Monokausale Begründungen sind ebenso wie einspurige Lösungswege für die Katz, das lernt man als erstes, wenn man die Geschichte studiert und sich nicht nur interessiert. Aber Cat content füllt die Kommentarspalten außerordentlich.
Die Entstehung und Entwicklung der Selbstvergewisserung der westlichen Politik und Ökonomie aus rein ökonomischen und egomanischen Begriffs- und Ideenfeldern heraus seit den 40´er Jahren in EGO offen gelegt zu haben bleibt eines der ganz großen Verdienste von Frank Schirrmacher.

Lebkuchen

Wer sich vielleicht erinnert an die Aueinandersetzung Jürgen Dollases (bei Youtube) mit dem Hamburger von MacDonalds (sic) auf die Ansage eines Spitzenkochs, er könne nun auch für dieses Geld keinen besseren Hamburger produzieren, wobei für dieses Geld die entscheidende Note war, die Dollase genüsslich und im besten feuilletonistischen Sinne unterließ auszukosten, der sollte sich hier nicht in die Irre führen lassen bei der Testreihe der Tauglichkeit der Lebküchnerei, wenn auch mit vollkommen untauglichen Produkten der großen Discounter begonnen wird, die schon von Angebot und Anspruch gar nicht hineinreichen können in die hohe und höhere Schule der winterlichen Nervennahrung und Traditionsbespielung, des Tableaus der Erinnerungssensorik, die notwendig hier die Vorweihnachtszeit eröffnet und ein synaptisches Band knüpft in die Ursprünge unserer Kindheit hinein, Tunnel öffnet in die Zeiten, in denen wir mit kleinen Händen über den Tisch reichten hinüber über die Mandarinen und Zimtsterne ein Auge schielend auf die womöglich sich maßregelnd hebenden Augenbrauen der Eltern und später Bögen spannte über Grenzen und Regionen hinweg, wenn das Paket kam mit der Bruchware von Schmidt oder Woitinek, der Bäckereien Mirus und Eckstein oder den sorgsam in Cellophan verpackten Küchlein derjenigen, die auf den Weihnachtsmärkten der Dörfer, den Martini- und Kathreinalasmärkten ihre Saisonware nach alten Rezepten anboten, so dass hier immer noch ab Mitte November ein Dose steht am Schreibtisch zur Behebung der fortwährend kündenden Not der energetischen und stilistischen Unterversorgung gefüllt mit den Lebkuchen der vorgenannten und der Bäckerei Düll, welche also noch heute auf dem Weg zur Post besucht und in Kenntnis gesetzt wird, von der ganz unactenmäßigen Beschreibung der Sensorik einiger bekömmlicher Werke hiesiger Lebküchnereien durch Jürgen Dollase in der FAZ.

Großartig!

Der Winter kommt.

Vor drei Jahren war ich um die Zeit noch in den Bergen. Es war warm und selbst in 1800 m konnte man bis spät ohne weiteres den ganzen Tag bei bestem Wetter ohne Sorge wandern. Hier zum Immenstädter Horn.

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Heute werden Schneehasen gejagt.

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Oder man stellt sich einfach adrett und schnauft.

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Der Schnee knistert in den Bäumen.

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Und die Gärten sind geschlossen.

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